Rundbrief 3-2009

Rundbrief 3-2009

Der Wunsch vieler Stief- bzw. Patchworkfamilien, nach einer Trennung oder Scheidung wieder eine ganz „normale Familie“ zu sein, ist groß. Insbesondere in der Startphase übersehen Paare die neue Familienstruktur, die anders ist als in der früheren Familie. Es kommt zu vielfältigen Problemen, z. B. zwischen den Kindern und dem neuen Stiefelternteil, den außerhalb lebenden Elternteilen, den Großeltern u.a.

 

Der Bericht von Stefan Reinecke zeigt, worauf Mitglieder von Stief- bzw. Patchworkfamilien in ihrer Startphase achten sollten und welche Hilfe und Unterstützung sie in einer Familienberatungsstelle erhalten können.

 

 

Wir sind doch eine ganz normale Familie oder?

 

Sie trennten sich, weil es zu viel Streit gegeben hatte. Martina lebte dann eine Zeit lang mit ihren beiden Kindern Klara (10) und Jens (12)  zusammen in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung. Uwe, von dem sie sich hatte scheiden lassen, weil er schon seit längerer Zeit eine andere Beziehung gehabt hatte, zog sehr rasch mit seiner Freundin Regina zusammen. Er konnte im Haus bleiben, weil er es von seinen Eltern geerbt hatte. Die Vortrennungszeit war voller Belastungen und Streitigkeiten gewesen, es wurde auch erbittert um den Haushalt und die Unterhaltszahlungen gekämpft. Zusätzlich mischten sich die Eltern von Martina immer wieder ein, schimpften auch vor den Kinder auf Uwe, weil der die eigene Tochter wegen einer anderen Frau verlassen hatte.

Über den Wohnort der Kinder und das daraus resultierende Besuchsrecht konnten sie sich dann doch recht schnell einig werden. Da sie in derselben Stadt nicht weit voneinander entfernt wohnen blieben, musste keine ganz starre Regelung getroffen werden. Jens ging jedes Wochenende zu seinem Vater, weil dieser auch das gleiche Fußballhobby teilte. Klara hatte nicht so oft Lust auf Besuche beim Vater. Sie kam und ging, wann sie wollte und es dem Vater passte. Nach einiger Zeit konnten  beide Elternteile wieder ganz gut miteinander reden und sich absprechen.

  • Eine erste Hürde für das weitere Leben von allen Beteiligten war genommen. Die ehemaligen Ehepartner hatten sich auseinander gelebt, gestritten, waren aber auch wieder zu einer Einigung bezüglich der Kinder gekommen. Sie blieben beide verantwortungsbewusste Elternteile.

Nun ging die Geschichte weiter. Martina lernte nach 2 Jahren Karl kennen, der keine Kinder hatte und eigentlich auch keine eigenen Kinder haben wollte, weil er in seiner Kindheit als Junge keine guten Erfahrungen gemacht hatte. Klara und Jens waren mittlerweile 12 und 14. Nach 5 Monaten zog Martina mit den beiden Kindern und mit Karl in eine Vier-Zimmer-Wohnung. Zunächst ging es auch recht gut, aber die beiden Kinder Jens und Klara mochten Karl nicht besonders. Karl war im Umgang mit ihnen unsicher. Mal war er zu nachgiebig, dann wieder wollte er seine Autorität zeigen und sich unbedingt durchsetzen. Da gab es ordentlich Krach, und Martina sah sich immer mehr in die Rolle gedrängt, zwischen beiden Seiten zu vermitteln. Besonders in der Anfangszeit, später seltener, kam es seitens der Kinder zu Äußerungen wie „du bist nicht mein Vater“ oder „du hast uns gar nichts zu sagen“.

Durch die ständige Beschäftigung mit den Kindern blieb für Martina und Karl kaum Zeit für die eigene Beziehung. Schließlich wurde die Situation fast unerträglich. Sie wandten sich an eine Familienberatungsstelle.

  • Die anfängliche Euphorie bei der neuen (Stief-)Familie wurde vom Berater als typisch angesehen. Besonders die Erwachsenen gingen mit großem Elan und großer Hoffnung an die Gründung der neuen Familie. Die Erfahrung besagt aber, dass es meist nach einiger Zeit zu einer Ernüchterung kommt, weil ganz vieles noch ungeklärt ist, es Auseinandersetzungen gibt und sich alle erst an die neue Familienkonstellation gewöhnen müssen. Das braucht viel Zeit.
  • Bei den Auseinandersetzungen der neuen Familie handelte es sich um ganz normale Konflikte, die zwischen einem neuen Partner, bzw. Stiefelternteil, und schon etwas größeren Kindern auftreten können. Wichtig in diesem Fall war, dass der neue Stiefelternteil lernen musste, sich in der Erziehung zurückzuhalten und insbesondere die unangenehmen Seiten wie Verbote und Aufforderungen dem leiblichen Elternteil zu überlassen.
  • Dem neuen Stiefelternteil Karl wurde empfohlen sich auf positive Interaktionen mit den Stiefkindern zu konzentrieren und zunächst zu versuchen, eine Beziehung zu den Kindern herzustellen, möglichst nicht in Konkurrenz zum leiblichen Vater.
  • Martina und Karl litten insbesondere darunter, kaum gemeinsame Zeit für sich zu haben, denn von Anfang an waren die Kinder auch gleich „da“ gewesen. Aber auch ihre Partnerschaft musste erst gefestigt und gelebt werden. Ein wichtiges Beratungsergebnis war, dass sie sich regelmäßige „Paarzeiten“ genehmigten. Die Kinder wurden dann von Bekannten betreut.
  • Erarbeitet wurde, dass Karl nicht so eine enge Bindung an die Kinder haben musste, wie das vielleicht Martina gewünscht hätte. Durch diese Zurückhaltung von Karl sollte vermieden werden, dass es zu einer Ausstoßungsreaktion entweder vom neuen Stiefelternteil oder einem der Kinder kommt.
  • Eindringlich wurde auch darauf hingewirkt, dass sich Martinas Eltern, also die Großeltern von Klara und Jens, in ihren Äußerungen zurückhalten sollten.
  • In diese längerfristige begleitende Beratung wurde mit Einverständnis aller zeitweilig auch Uwe und seine Freundin eingebunden. Wichtig war hier, dass Karl akzeptierte und Martina es auch unterstützte, dass Klara und Jens gute Kontakte zu Uwe und Regina haben konnten, so dass diese mit den Kontakten zufrieden waren und deshalb auch nicht gegen die neue Familie von Martina und Karl agieren mussten.

Es dauerte aber auch danach noch einige Zeit, bis es in der neuen Familie keine ganz so große Rolle mehr spielte, dass sie eine Stieffamilie war.

Martina  und Karl merkten bald, dass es sich als günstig erwiesen hatte, wenn die Vorstellungen und der Ablauf von Familienfeiern und -unternehmungen vorher untereinander und mit den Kindern abgesprochen worden war. Ganz deutlich zeigte sich das beim damaligen ersten gemeinsamen Weihnachtsfest. Martina wollte mit den Kindern wie selbstverständlich in die Kirche gehen. Das war für Karl völlig fremd. So gab es einen Tag vor Heiligabend eine heftige Auseinandersetzung. Auch darüber, wie gefeiert werden, was gegessen und wie der Weihnachtsbaum beschaffen sein sollte, gab es zunächst völlig unterschiedliche Vorstellungen. Es brauchte etliche Diskussionen, bis Lösungen gefunden werden konnten.

  • Hier zeigte sich, dass eine neue Stieffamilie besonders viel Absprache untereinander brauchte. Es war besonders wichtig, dass sich das Paar, also Martina und Karl, gut miteinander austauschten, weil das Verständnis der beiden die Grundlage für das Gelingen der neuen Familie war.

Jens zog sich zunehmend aus der Familie raus und orientierte sich mehr und mehr am Vater, zeitweilig lebt er sogar bei ihm. Diese stetigen Veränderungen durch die Trennung der Eltern, neue Partnerschaft der Mutter und des Vaters und Übersiedlung von einem zum anderen, war einerseits stressig, andererseits erwarb Jens sich dadurch doch eine gewisse Flexibilität und Wendigkeit, die ihm im Umgang mit Freunden und in der Schule gut tat.

Klara klammerte sich zeitweilig enger an die Mutter. Sie entwickelte zwar nicht so eine enge Beziehung zu Karl, aber sie war doch froh, dass Karl abends da war, wenn die Mutter bei der Arbeit war.

So entwickelte sich die Familie doch recht positiv und blieb auch trotz mancher Auseinandersetzungen zusammen. Durch das Herauswachsen der Kinder aus der Familie blieb auch wieder mehr Zeit für die eigene Partnerschaft.

 

Stefan Reinecke, Diplom-Psychologe, Karlsruhe

 

 

Rechtsinformationen

 

Stieffamilien und Recht: 10 Jahre Rechtsratgeber der BAG SHG Stieffamilien – Rückblick und Ausblick

 

Im Jahr 1999 erschien der erste BAG-Rechtsratgeber für Stieffamilien.

Beratungs- und Klärungsbedarf gab und gibt es neben den tatsächlichen Hürden beim Zusammenwachsen als Familie vielfach auch in rechtlichen Fragen. Mit dem Rechts-ratgeber sollten hierfür Hilfestellungen gegeben werden, denn für die Betroffenen ist es häufig nicht einfach nachvollziehbar, ob und wie ihre persönliche Familienstruktur überhaupt von den Regelungen des Familienrechts erfasst wird. Ein eigenes „Stiefrecht“ gibt es im deutschen Recht nach wie vor nicht, jedoch eine Fülle von Einzelregelungen, in denen an die tatsächliche Gründung einer Stieffamilie angeknüpft wird.

Seit der letzten Überarbeitung des Rechtsratgebers für Stieffamilien haben sich jedoch weitreichende Änderungen im Familienrecht und im Familienverfahrensrecht ergeben.

Das Inkrafttreten des neuen Unterhaltsrechts zum 01. Januar 2008 bildete eine wichtige Zäsur insbesondere im Recht des nachehelichen Ehegattenunterhalts. Die Stärkung des Grundsatzes der Eigenverantwortung und die Abschaffung des sog. Altersphasenmodells hat den Bundesgerichtshof zwischenzeitlich in mehreren Urteilen veranlasst, das unterhaltsrechtliche Verhältnis zwischen erstem und zweitem Ehegatten neu zu definieren.

Einkommensschwache Stieffamilien sahen sich seit dem 1. August 2006 mit einer faktischen Unterhaltspflicht von Stiefeltern durch die Hintertür der ALG II- Regelungen konfrontiert, obwohl es nach wie vor keine familienrechtliche Unterhaltspflicht zwischen Stiefeltern und Stiefkindern gibt.

Zum 01. September 2009 sind schließlich umfassende Reformen im Familienrecht in Kraft getreten, das Recht des Zugewinn- und Versorgungsausgleichs wurde neu geregelt sowie ein völlig neues Verfahrensrecht in Familiensachen verabschiedet.

In der jetzigen Fassung auf dem Stand Juni 2008 ist der „Rechtsratgeber Stieffamilien“ somit nicht mehr aktuell, weswegen er künftig auf der Webseite nicht mehr zum Download zur Verfügung gestellt wird.

 

Eine Überarbeitung und Neuauflage in Buchform ist angedacht, denn immer noch herrscht häufig Unsicherheit über Rechte und Pflichten in der Stieffamilie.

 

Dr. Susanne von Puttkamer, RA und Mediatorin

 

 

Lesetipps

 

Tausche Schwester gegen Zimmer

Kliebenstein, Juma, Verlag Friedrich Oetinger 2009

Für Kinder ab 10 Jahren

 

Luna Sonnenfelder und ihre Brüder Julius und Justus leben mit ihrem Hund Snatch bei Papa Rudolf. Mama lebt mit Udo zusammen und „ist nun mal nicht der übliche Mamatyp“, wie sie von sich selbst sagt.

Alles läuft ganz gut, Papa und Mama haben sich wieder ganz gut arrangiert, da schlägt es ein wie eine Bombe: Papa hat sich verliebt - in Marianne, die selbst vier Kinder und eine Katze hat. Und dann geht alles sehr schnell. Die beiden Verliebten suchen und finden ein Haus, wo sie alle zusammen wohnen können. Allerdings ist dieses Haus nicht so groß, dass alle Kinder ein eigenes Zimmer bekommen können, deshalb sollen Luna und ihre gleichaltrige Stiefschwester Stella gemeinsam eines bewohnen. Aber Luna hat dazu gar keine Lust, denn erstens wollte sie schon immer ein eigenes Zimmer haben und außerdem findet sie, dass sich Stella bei ihrem Vater ganz schön „einschleimt“, was sie richtig wütend werden lässt.

Flott und witzig erzählt Juma Kliebenstein die Geschichte aus der Sicht von Luna ohne in Klischees zu verfallen. Die Personen und die Familienkonstellationen sind glaubhaft, die Gefühlsturbulenzen, denen die Kinder ausgesetzt sind, sind sehr gut nachvollziehbar.

Mir hat es jedenfalls großen Spaß gemacht, das Buch zu lesen.

 

Adelheid Payer-Pechan

 

 

Die Vielfalt der Familie, Tagungsband zum 3. Europäischen Fachkongress

Familienforschung

Hrsg. Norbert Schneider, Verlag Barbara Budrich, 2009

 

Die vorliegende Aufsatzsammlung bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Familienforschung in Europa. Sie zeigt auf, dass Familien in Europa noch immer geprägt sind von unterschiedlichen kulturellen und nationalen Familienleitbildern und dass die nationale Familienpolitik weiterhin großen Einfluss auf die Rahmenbedingungen von Familie hat.

Die Beiträge der AutorInnen unterschiedlicher nationaler Herkunft und wissenschaftlicher Profession gehen auf vier große Themenbereiche ein: die Familienbilder, die Geschlechterrollen, die Auswirkungen der globalisierten Ökonomie und die familialen Entwicklungsverläufe.

Leider sind fast keine osteuropäischen Autorinnen vertreten. Viele Beiträge schildern interessant und spannend den gegenwärtigen Wandel von Familie, die Beharrungs- und Veränderungstendenzen und die sie verursachenden Faktoren auf individueller, nationaler und europäischer Ebene. Allen, die im Bereich der Familienforschung oder der Familienpolitik aktiv sind und nach fundierter wissenschaftlicher Beobachtung zu Familien fragen, kann die Lektüre wertvolle Einsichten vermitteln.

Impressum

Herausgeber ist die
Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen Stieffamilien

Kontakt
Seligenstädter Str. 74 – 76
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T: 06104 / 40 79 70
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www.stieffamilien.de

Tel. Sprechzeit für individuelle Beratung:
Mo 19 – 20 Uhr, Mi 10 – 11 Uhr (M. Tack)

Tel. Sprechzeit für allgemeine Anfragen:
Do 15 – 17 Uhr (H. Lachenmair, Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen e.V.)

Förderung
Der Stieffamilien-Newsletter wird finanziell gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend