Rundbrief 2-2009
Anfang Juli veröffentlichte das Statistische Bundesamt wieder die neuesten Daten zur Scheidungsrate im Jahr 2008. Wie nicht anders zu erwarten, stieg die Zahl erneut um 3% im Vergleich zum Vorjahr. 2008 wurden 191 900 Ehen geschieden.
Hinter den abstrakten Zahlen stehen menschliche Schicksale, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Von den Scheidungen mit betroffen sind viele minderjährige Kinder. 2008 waren es 150 200 minderjährige Kinder. Auch ihre Anzahl ist um 3,6% angestiegen.
Viele Kinder leiden unter der Trennung der Eltern. Sie können schwer nachvollziehen, warum ein Elternteil nicht mehr mit in der gemeinsamen Wohnung lebt und sie den Vater oder die Mutter nur nach Absprache am Wochenende, einmal im Monat oder in den Ferien sehen und besuchen können. Es fällt ihnen schwer nun zwei Zuhause zu haben und einen neuen Partner, eine neue Partnerin an der Seite der Mutter oder des Vaters akzeptieren zu müssen.
Die Trennung oder Scheidung der Eltern stürzt sie in ein Gefühlschaos aus Angst, Wut, Unsicherheit und Aggressivität.
Der nachfolgende Bericht über ein Gruppenangebot für Kinder und Eltern bei Trennung und Scheidung (TSK) in Rheinland-Pfalz soll Eltern und Kindern Mut machen, sich in dieser Situation Hilfe und Unterstützung zu holen. Sollte es vor Ort noch keine solche TSK-Gruppe geben, fragen Sie gezielt bei Jugendämtern, Beratungsstellen, dem Kinderschutzbund u.a. nach.
Trennungs- und Scheidungskinder (TSK) - ein Gruppenangebot zur Unterstützung betroffener Kinder und deren Eltern
Das Gruppenangebot TSK-Gruppe findet in einer mittleren Stadt in Rheinland-Pfalz seit einigen Jahren statt. Es richtet sich an Kinder und Eltern von Trennungsfamilien, sowie neue Partnerinnen und Partner. Bei 12 wöchentlichen Gruppentreffen, Vor- und Nachbereitung dauert das gesamte Projekt ca. 5 - 6 Monate. Die Gruppengröße liegt bei 6 - 7 Kindern im Alter zwischen 8 und 10 Jahren. Zwei systemische Familientherapeutinnen leiten die Gruppe, die von einer Beratungsstelle mit der Unterstützung von Caritas und Jugendämtern ausgerichtet wird.
Das Anmeldeverfahren
Nachdem ein Elternteil Kontakt mit der Beratungsstelle aufgenommen hat, findet ein Aufnahmegespräch statt. Es wird geklärt, ob beide Eltern gemeinsam kommen können, bei Hochstrittigkeit der Eltern werden beide getrennt eingeladen. Unser Konzept ist, beide Eltern kennen zu lernen und etwas über ihre Beziehung zum Kind und ihre Sichtweisen zur Trennungsgeschichte zu erfahren. Für die Kinder ist es wichtig zu wissen, dass beide Elternteile sie beim Besuch der TSK-Gruppe unterstützen.
Das erste Elterngespräch
In diesem Gespräch schildern die Eltern ihre Sicht der Familien- und Trennungsgeschichte. Sie sollen möglichst auch aus der Sicht ihres Kindes diese Krisenzeit in Bezug auf Belastungen, Veränderungen im Verhalten, Schule, soziale Kontakte, Freizeit und Freunde beschreiben.
Sie werden befragt, welche Wünsche das Kind wohl selbst haben könnte, bzw. sie als Eltern für ihr Kind haben und was am Ende der Gruppenzeit anders sein soll.
Am Schluss erhalten sie noch Informationen über den Ablauf der Gruppenstunden und die Gruppenthemen, den Elternabend und die regelmäßig durchgeführten Mütter- und Vätertreffen.
Nach erfolgreicher Anmeldung erhalten die Kinder ca. eine Woche vor Gruppenbeginn einen Brief, in dem sich die beiden Gruppenleiterinnen vorstellen und zum ersten Gruppentreffen einladen.
Inhalte/Ziele der Gruppenzeit
- Kennenlernen und in Kontakt gehen
- Aus einer Familie werden zwei Familien, veränderte Wohn- und Lebensräume, neue Partner der Elternteile und deren Kinder, Anerkennung unterschiedlicher Lebensmodelle
- Umgang mit und Ausdrucksmöglichkeiten von Gefühlen, sicherer Ort, Selbstregulierung
- Realistische und unrealistische Wünsche, aussprechbare und unaussprechbare Wünsche im Zusammenhang ihrer derzeitigen Familiensituation
- Wertschätzung, Ehrung, Würdigung jedes einzelnen Kindes (z.B. „Spielleiter“, „Krönungszeremonie“, „ich mag an dir“ - Karten) und Respekt gegenüber den anderen Kindern und Gruppenleiterinnen
- Perspektiverweiterung und Empathie
- Planung und aktive Gestaltung des Abschieds von der Gruppe
Die oben genannten Themen bilden einen relativ lockeren roten Faden für den Ablauf der Gruppenzeit. Der Arbeitsstil ist prozessorientiert, er lässt sich auf die Kinder ein und reagiert situativ auf das, was die Kinder aktuell an Verhalten zeigen und mitbringen.
Die Gruppenstunden für die Kinder
Um den Kindern Ordnung, Sicherheit und Verlässlichkeit in der Zeit ihrer großen Orientierungslosigkeit zu bieten, laufen die Gruppenstunden stets nach einem ähnlichen Muster ab. Es gibt die Sequenzen Ankommen und Begrüßung im Flur, Ankommen im Gruppenraum auf dem eigenen Platz, Gruppenspiel, thematisches Arbeiten, Pause mit Getränken, Obst und Keksen, um informelle Kontaktmöglichkeit der Kinder untereinander zu ermöglichen, Spiel oder Wahrnehmungsübungen, Verabschiedung.
Die erste Gruppenstunde
Nach der Begrüßung aller Kinder bereits im Flur wird der vorbereitete Gruppenraum gemeinsam betreten. Er bietet genug Platz, um mit Matten einen großen Stern legen zu können, so dass für jedes Kind ein „kleines Feld“ als eigener Raum auf dem Boden zur Verfügung steht. Dieser Platz ist groß genug zum Sitzen, Liegen, Alleine-sein oder jemanden zu sich einzuladen. Dieser eigene Raum wird in der ersten Stunde intensiv „erkundet“. Seine Grenzen und Begrenzungen, d.h. Länge, Breite, Höhe, vorne – hinten, werden körperlich durch die Bewegungen der Kinder erfahren und mit Stimme und Körpersprache („Halt! Auf meine Matte nicht!“ und/oder „Ich möchte Dich gerne zu mir einladen“) als persönlicher Raum eingenommen.
Jedes Kind sucht sich eine farbige Arbeitsmappe für die zu sammelnden eigenen Materialien aus (Bilder, Texte, Karten, Fotos) und ein farbig dazu passendes Tuch, das in allen folgenden Stunden als persönliches Kennzeichen den eigenen Platz markiert.
Ein Schwerpunkt der Arbeit ist es, den Kindern viel Raum zur Körperwahrnehmung zu bieten. So lernen sie sich selbst zu spüren. Die eigenen Grenzen und Wirksamkeiten und die der anderen Kinder wahrzunehmen und zu respektieren. Das stärkt ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstverantwortung.
Im Bewegungsspiel erfahren die Gruppenleiterinnen viel über die Kinder und nehmen ihre Fähigkeiten und Ressourcen wahr. In den folgenden Gruppentreffen wird daran methodisch weitergearbeitet.
Die vierte Gruppenstunde
Kinder mit einem hohen Aggressionspotential oder starker Gehemmtheit bzw. Rückzugsverhalten profitieren davon, wenn sie im „Spiel“ die Erlaubnis bekommen zu toben, treten, boxen, schlagen und schreien. Sie dürfen sich dabei als „richtig“ erleben und werden „angefeuert“, noch mehr „Wut“ heraus zu lassen. Gerade bei diesen meist unverstandenen Kindern findet oft ein AHA-Erleben statt. Sie fühlen sich erstmals in ihren Gefühlen ernst- und wahrgenommen.
Das Spiel mit Farben, der Umgang mit dem eigenen Körperschema und Selbstbild, das Gestalten ihrer inneren Bilder mit Legematerialien, Interaktionsspielen, das Weitererzählen von Fantasie- und Trennungsgeschichten sind weitere methodische Elemente.
Mit der Sicherheit der Verschwiegenheit und dem sicheren Beziehungsangebot der Gruppenleiterinnen können die Kinder immer mehr aus der Anspannung des Loyalitätskonfliktes heraus treten. Das Miterleben der Geschichten, Wünsche und Sorgen der mit betroffenen Kinder in der Gruppe ermutigt sie, die eigenen schwierigen Themen zum Ausdruck zu bringen.
- „Sie streiten ständig um mich, ich fühle mich total zerrissen, am besten, ich gehe zu keinem von ihnen“. (Äußerung eines Kindes, nachdem es ein Wutbild gemalt hat.)
- „Ich will mehr über Mama wissen“ (Ein anderes Kind, nachdem es merkt, dass es beim Gestalten des Familienbildes einen Elternteil „vergessen“ hat.)
Mit den Kindern wird besprochen, welche Wünsche die Gruppenleiterinnen den Eltern im Abschlussgespräch mitteilen sollen und welche sie jetzt auch schon selbst mit ihnen klären können.
Den Kindern ist es wichtig zu wissen, dass ihre Eltern in der Zeit des Gruppenangebotes auch selbst an der Auseinandersetzung ihrer eigenen Trennungsgeschichte arbeiten. Sie fragen ihre Eltern „Gehst du zum Mütter/Väter Treffen?“, „Viele Grüße an ......!“ (gemeint ist die Gruppenleiterin). Von ihrer eigenen Arbeit in der Gruppe erzählen sie meist wenig. Die Eltern melden zurück, dass sie auf ihr Nachfragen kaum Antworten bekommen und merken, dass ihr Kind sich verändert. Die Kinder werden mutiger, deutlicher und präsenter im Umgang mit ihren Geschwistern, Lehrern, später auch gegenüber den Eltern. Das ist nicht immer angenehm, da Auseinandersetzungen und Streit auch zunehmen. Dies zu verstehen, auszuhalten und einen positiven Sinn darin zu sehen, gelingt manchmal erst nach dem Austausch mit den anderen Müttern und Vätern.
Das Müttertreffen und Vätertreffen
Das Angebot ist freiwillig und wird von ca. 2/3 der Eltern angenommen. Das Treffen findet etwa nach der Mitte der Gruppenzeit statt. Beide Elternteile werden dazu schriftlich eingeladen.
Die Treffen sind Gesprächskreise, die von den Teilnehmenden sehr schnell thematisch selbst gestaltet werden und dann von einer der Gruppenleiterinnen nur noch moderiert werden. Sie finden im 14-tägigen Abstand für ca. 2 Stunden statt und geben viel Raum für das eigene Erleben in der Beziehung zu ihren Kindern, dem Unterscheiden von Elternebene und noch unverarbeiteter Paarebene, der eigenen Wut, den Ängsten und Sorgen, Hochs und Tiefs der neuen Partnerschaften.
Die Eltern profitieren vom Kontakt mit Gleichbetroffenen, von ähnlichen und doch unter-schiedlichen Geschichten und Umgangsformen.
Der Elternabend
Das Treffen findet etwa nach der Mitte der Gruppenzeit statt. Beide Elternteile werden dazu schriftlich eingeladen. Er dient ausschließlich der Informationen über die inhaltliche Arbeit mit den Kindern und nicht der Interaktion oder dem Austausch untereinander. Die Eltern bekommen beispielhaft kleine Sequenzen aus der Arbeit vorgestellt, die ihre Kinder geleistet haben. Z.B. das Ankommen im fremden Raum, Demonstration des „Parcours der Gefühle“, Wertschätzung des eigenen Platzes anhand eines symbolischen Bildes, Vorstellung der Geschichte „Conni's Eltern trennen sich“ usw. Das Ziel ist es, die Eltern ins eigene Erleben zu führen und für das Erleben ihrer Kinder zu sensibilisieren. Über die einzelnen Kinder wird nicht gesprochen.
Das Abschlussgespräch mit den Eltern
Gemeinsam oder getrennt finden am Ende der TSK-Gruppe Abschlussgespräche statt.
Die Eltern werden nach den Auswirkungen der Gruppe auf die einzelnen Familienmitglieder und insbesondere auf das teilnehmende Kind befragt, was sich zu Hause verändert hat und ob ihre Wünsche für das Kind erreicht wurden.
Die Gruppenleiterinnen berichten von ihren Eindrücken und das, was sie über die Kinder gelernt und verstanden haben: Ihre Stärken und Fähigkeiten, Bewältigungsstrategien und Selbstregulierungsmechanismen, über Autonomiewünsche, Empathiefähigkeit und über die grundsätzliche Akzeptanz von Kindern, sich auf neue Lebensmodelle positiv einzustellen.
Bei Bedarf erhalten Familien die Empfehlung weiterhin Beratungsunterstützung in Anspruch zu nehmen und werden bei der Weitervermittlung unterstützt.
Fazit und Ausblick
Die Kinder profitieren von der TSK-Gruppe. Ihr Fähigkeit, spontan mit Stimmungen und Handlungen auf Situationen zu reagieren und sie noch nicht kognitiv zu kontrollieren, führen im Verlauf der TSK-Gruppe schnell zum Wachstum von Ich-Stärke, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Dies gilt es nun auf Dauer in den Familienalltag zu integrieren. Die Kinder brauchen die Unterstützung der Eltern und der neuen Familien.
Für viele Eltern ist die Mitarbeit in der Gruppe der erste Kontakt zu beratender Unterstützung. Sie erfahren, dass Kooperation und die Anteilnahme an jedem Familienmitglied entlastend wirkt und dass eingefahrene belastende Dynamiken auflösbar sind. Haben sie im Prozess ein Verstehen über ihr Kind und sich selbst wahrnehmen können, so ist Nachhaltigkeit und Integration der positiven Veränderungen am besten möglich.
Elternteile mit neuen Partnern äußern manchmal, dass ihre Partner sich wünschten, für sie gäbe es auch einen Platz in dem Prozess der Gruppenzeit zur Verfügung. Ich halte dies als systemisch arbeitende Beraterin natürlich auch für sehr sinnvoll. Die neuen Partner haben eine wichtige Beziehungsfunktion für die Kinder und manchmal auch Anteil daran, wie die Eltern nach der Trennung/Scheidung ihren Kontakt miteinander gestalten.
Autorin:
Bärbel Rapp
Systemische Familientherapeutin (SG)
Schöne Aussicht 40
55583 Bad Münster a. St. / Ebernburg
www.br-systemberatung.de [1]
Literaturtipps
Fips versteht die Welt nicht mehr
Randerath Jeanette, Sönnichsen Imke, Wenn Eltern sich trennen, Thienemann-Verlag 2009
Der kleine Dackelterrier Fips ist frech zu seiner Mutter, zieht sich andererseits traurig zurück und will mit den anderen kleinen Hunden nicht mehr spielen. Seine Mutter geht deshalb mit ihm zu Bruno, dem alten erfahrenen Wolfsbernhardiner.
„Seitdem sein Vater und ich uns getrennt haben, macht er mir nur Sorgen“, klagt sie. Und Bruno erzählt Fips eine Geschichte von einem anderen kleinen Hund, der genauso zerrissen zwischen seinen Eltern war wie Fips und trotzdem ein großer starker Hund geworden ist. Denn „er war ja nicht nur ein Teil von seiner Mutter und ein Teil von seinem Vater. Er war auch etwas ganz Eigenes und Besonderes.“ So wird er ermutigt, seine eigene Persönlichkeit zu entdecken und sein Selbstvertrauen zu stärken.
Wenn Eltern sich trennen, löst das bei Kindern viele Ängste aus, ihre Welt gerät aus den Fugen. In diesem Bilderbuch wird auf besonders einfühlsame Weise das innere Erleben dieser betroffenen Kinder zum Ausdruck gebracht. Dass die Geschichte von Jeanette Randerath unter Hunden spielt, gibt ihnen die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wie weit sie sich identifizieren oder distanzieren wollen.
Die Illustration von Imke Sönnichsen betrachtet man nur zu gern.
Drache Max macht Rabatz
Dunker Kristina, Susanne Smajic, Beltz & Gelberg 2009
Drache Max nervt – die Mitschüler, den Lehrer, die Mama und den Papa. Er ist vorlaut, frech und faul, hat kein weiches Fell, beißt, kratzt und speit Feuer. Kurz: kein anderes Tier will etwas mit ihm zu tun haben. Und dann kommt noch ein Schulverweis hinzu. Mama Drache schickt Max deshalb zu Doktor Rabe, dem Seelenspezialisten.
Es ist eine lange Geschichte, die Kristina Dunker in Reime gesetzt hat: Max entdeckt, dass es noch andere Tiere gibt, die mit ihren Problemen zu Doktor Rabe kommen. Von ihm fühlt er sich ernst genommen mit seinem Zorn auf den Papa. Dieser hat ihn verlassen und ist mit einer neuen Lebensgefährtin zusammengezogen. Er schließt mit der schüchternen Häsin Hanna Freundschaft und erlebt, dass die Eltern sich zusammenfinden und besprechen, wie es möglich ist, dass Max wieder in die Schule gehen darf.
Die Illustrationen von Susanne Smajic sind sparsam, aber sehr lebendig – es bleibt viel Raum, sich das Geschehen selbst vorzustellen.
Kinder, deren Eltern sich getrennt haben und kaum miteinander kommunizieren, reagieren oftmals mit Aggressionen – eben wie Drache Max – und für sie kann diese Geschichte eine Möglichkeit sein, sich mit den eigenen Gefühlen auseinander zu setzen. Die Angst vor dem Therapeuten kann sie allemal nehmen.
Adelheid Payer-Pechan
Die Familie in Gegenwart und Zukunft
- Positionen, Provokationen, Prognosen -
Martin R. Textor, Books on Demand, Norderstedt 2009
Martin R. Textor hat in seinem kleinen Büchlein (mit Quellenangaben 96 Seiten) Forschungsergebnisse zu Mutter- und Vaterschaft, Kindheit, Familie und Arbeitswelten zusammengetragen. Er hat die Daten analysiert und miteinander verknüpft. Somit erhalten wir ein umfangreiches Bild unserer Gesellschaft, wie sie momentan gelebt wird. Und er betrachtet all die Daten auch politisch und zukunftsorientiert und stellt provokante Thesen auf.
Beim Lesen hatte ich viele Aha-Erlebnisse: vieles nehme ich ständig in meiner nächsten Umgebung wahr.
Zum Beispiel, dass heutzutage Kind zu sein sehr anstrengend ist. Elternblick konzentriert sich nur noch auf dieses eine Kind, Kindheit heute findet fast nur noch in einem pädagogisch besetzten Raum (Krippe, Kindergarten, Schule, Kurse nach Schule: Sport, Musik usw.) statt. Kinder heute werden total überwacht (teilweise sogar über Mobiltelefone) und haben durch all das keinen Raum mehr für individuelle Entwicklung (keine Möglichkeiten zu freiem Spielen in unbeobachtetem Raum, d.h. es gibt keine kindliche Freiheit mehr und Entwicklung zu einem selbstbewussten und frei denkendem Erwachsenen ist nicht möglich). Es bedeutet, dass Kinder gleichgeschaltet werden: Kinder, die nicht ins vorgegebene Muster passen, werden aussortiert. Somit haben wir den „…Sozialismus im Herzen der bürgerlichen Welt“ um mit M. Textor zu reden.
Familien haben so unendlich viel Möglichkeiten der Information (über die modernen Medien) und dadurch auch Wahlfreiheiten. Das überfordert uns total. Wir Eltern haben keine Zeit mehr für unser Kind durch Überstunden, Zweit-Job, Schichtarbeit usw. Wir trauen uns auch nicht, uns diese Zeit zu nehmen bzw. sie einzufordern, da wir uns bedroht fühlen durch Arbeitslosigkeit, Armut, soziales Abrutschen etc.
Irgendwie läuft es im Familiären/Privaten total verkehrt rum. Wir Eltern werden zu Kindern: Unsere Kinder sollen uns Lebenssinn geben, unsere emotionalen Bedürfnisse befriedigen, sind von unseren Launen abhängig. D.h. doch wohl, wir sind nicht wirklich Eltern für unsere Kinder! Wir nehmen unsere Rolle als Eltern nicht ein! Eltern gehen auf eine Partnerebene mit ihren Kindern. Eltern übernehmen nur noch Betreuungsaufgaben wie Waschen, Essen kochen o.ä. Elternarbeit an ihren Kindern wird delegiert (Kindergarten usw.)
Es ist nicht verwunderlich, dass die Schwere und Häufigkeit von psychischen Störungen bei Kindern und Eltern weiter wachsen.
Die Lektüre des gut recherchierten und spannend geschriebenen Buches hat mich erschüttert. Sie hat mir aber auch gezeigt, dass alle, die mit Kindern und Familien arbeiten, sich gegen diese Entwicklungen wehren müssen, damit Textors beschriebene Szenarien nicht vollends Wirklichkeit werden.
Monika Tack
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